Wo griechischer Honig fließt – Ein Interview im interkulturellen Garten Perivoli mit Ulrike Dörner und Michaela Kirschning vom 48-STUNDEN-Team des Kulturnetzwerk Neukölln e.V.
Vielleicht können wir damit beginnen, dass Sie uns kurz schildern, wie die Arbeit des Fördervereins praktisch aussieht, wie viele Menschen sich in dem Verein engagieren und welche Aufgaben sie konkret wahrnehmen?
Niki Reister: Ich muss kurz ausholen: Der Förderverein To Spiti ist ein gemeinnütziger Verein, der in einer schwierigen Situation entstanden ist. 1995 sollte das Zentrum To Spiti schließen. Der Senat dachte, man bräuchte kein extra Zentrum für die Griechen. Die sind ja in der Europäischen Union, die sind ja integriert. To Spiti war das erste Interkulturelle Zentrum in Neukölln, welches 1980 gegründet wurde. 15 Jahre später wurde die Lage schwierig, vor allen Dingen finanziell, und man musste kürzen und kam daraufhin auf die Idee, To Spiti zu schließen. Wir haben uns natürlich dagegen gewehrt, es gibt heute noch zwei Ordner mit Protestbriefen an den Senat. Ja, das war eine Kampfsituation, das hat lange gedauert, aber wir haben es geschafft: To Spiti wurde weiter finanziert und gefördert. Wir haben damit auch ein Zeichen gesetzt, durch die Gründung des Fördervereins 1995. Anfänglich waren es 120 Mitglieder, hauptsächlich Griechen und Deutsche, aber auch ein paar andere. Jetzt sind es so um die 60 Mitglieder, da viele Griechen nach Griechenland zurückgegangen sind. In jedem Verein gibt es eine Kerngruppe von aktiven Mitgliedern, so auch bei uns. Der Interkulturelle Garten ist ein Beispiel dafür: er ist zwar durch die griechischen Senioren sozusagen aus dem Mutterprojekt entstanden, aber die Trägerschaft hat der Förderverein bis heute. Gott sei Dank, läuft es ganz gut, nicht nur mit Griechen und Deutschen, sondern mit vielen Nationalitäten, also wirklich interkulturell. Das heißt, es wird etwas miteinander gemacht, nicht parallel. Einmal im Monat findet ein Plenum statt, wo wir uns treffen, austauschen und besprechen, was zu tun ist und wo auch, falls nötig, Kritik ausgeübt wird. Wir sind auch deutschlandweit mit anderen Interkulturellen Gärten vernetzt. Die Stiftung Interkultur hat das Netzwerk aufgebaut, koordiniert die Arbeiten und vermittelt Praxisseminare wie zum Beispiel „Saatgutvermehrung“ und vieles mehr.
In Neukölln leben Menschen aus über 160 Nationen, darunter ca. 1.370 Griechen. Verglichen mit anderen Migrantengruppen ist diese Zahl vergleichsweise hoch, macht aber wenig von sich reden. Lässt sich daraus schließen, dass die griechischen Zuwanderer verhältnismäßig gut integriert sind?
Niki Reister: Was heißt integriert? Das ist ein magisches Wort. Es gibt verschiedene Erklärungen: Wenn man zum Beispiel in eine Schule mit -zig anderen Migrantenkindern geht, die aber nicht alle der gleichen Religion angehören, sondern einige zum Beispiel ein Kreuz tragen, dann hat man Probleme. Man wird beschimpft, denn genau das haben wir bei unserer Arbeit erlebt. Man versucht sich zu integrieren. Aber was ist das für eine Integration? Das ist zwar ein extremes Beispiel, aber ich verstehe unter Integration ein gegenseitiges Geben und Nehmen. Wenn man das so sieht, dann haben die Griechen wirklich eine ganze Menge gegeben und das zeigen wir in unserer Ausstellung am 5. November in der Genezareth-Kirche in der Schillerpromenade am Beispiel von acht Menschen griechischer Herkunft, die erzählen, was für sie Heimat und Integration bedeutet.
Gemeint war ja in erster Linie, dass es kaum negative Schlagzeilen über die Griechen gibt. Was in Neukölln so eigentlich unüblich ist.
Pigi Mourmouri: Ich glaube, das hat auch etwas mit den Schulklassen zu tun, in die die griechischen Kinder gehen. Es war wirklich interessant, was wir durch die Interviews erfahren haben. Eine Frau hat zum Beispiel gesagt, dass Integration für sie bedeute, dass man die deutsche Sprache lernt. Dadurch kann man in einer Gruppe von verschiedenen Migranten in einer Sprache, nämlich deutsch, kommunizieren. Das heißt, die Griechen achten darauf, dass ihre Kinder in eine Schule gehen, in der der Migrantenanteil nicht überwiegt. Ich finde allerdings, dass die griechischen Kinder nicht gut integriert sind in das deutsche Schulsystem. Zwar besuchen viele Kinder griechischer Abstammung das Gymnasium, beziehungsweise es gibt auch die Schulen für muttersprachlichen Unterricht. Viele sind auch nach Griechenland zurückgegangen und haben dort studiert. Aber da stecken die Eltern dahinter. Die Griechen sind sehr darauf bedacht, dass ihre Kinder eine gute Bildung bekommen. Diese erste Generation von Migranten kam nicht nur hierher, um Geld zu verdienen und dann zurück zu gehen, sondern sie ist geblieben. Sie wollte, dass aus ihren Kindern etwas wird und hat dafür auch viel investiert. Und das, obwohl die erste Generation von Einwanderern aus ganz ärmlichen, ländlichen Verhältnissen kam. Dass deren Kindern hier Abitur gemacht haben und studieren konnten, ist für mich ein großer Erfolg und auch ein Integrationsprozess. Trotzdem haben die Kinder ihre Ursprungs-Kultur nicht verloren, sie bezeichnen sich als Deutsch-Griechen oder als Berliner Griechen. Viele sagen auch, dass Integration bedeutet, sich in einer Gesellschaft wohl zu fühlen. Die Frauen, zum Beispiel, die durch Heirat aus Griechenland nach Deutschland gekommen sind, haben für sich den Anspruch, die deutsche Sprache zu lernen. Sie wollen die Sprache lernen, um hier leben und auch arbeiten zu können. Sie sehen das als Bereicherung an, als eine der vielen Möglichkeiten, die dieses Land ihnen bietet.
Niki Reister: Ja, wir haben durch unsere Interviews, die wir für die kommende Ausstellung geführt haben, sehr viel mehr über die griechische Gemeinschaft hier erfahren, als in dreißig Jahren Sozialarbeit. Ich habe jetzt etwa vier oder fünf Gespräche geführt und bin sehr erstaunt darüber, wie offen die Menschen sind, wie sie zum Beispiel über ihre Kindheit berichten. Ich war gestern bei einem jungen Künstler, der ist im Rollbergviertel aufgewachsen. Seine Freunde waren Araber, Türken, Jugoslawen, eben Menschen aus vielen verschiedenen Nationen. Immer wenn er mit seinen Eltern aus dem Griechenland-Urlaub zurück kam und sie über Drei-Linden herein fuhren, dann jubelte er: „Ich bin wieder zuhause, in West-Berlin“. Und als er wieder im Rollbergviertel ankam, hat er sich riesig gefreut, seine Freunde wieder zu sehen. Das alles hat ihn auch in seiner Arbeit sehr inspiriert. Er ist Maler und als Künstler eine interessante Persönlichkeit geworden. Er ist nicht stecken geblieben in seinem Ghetto, er hat sich weiter entwickelt. Er sagt selbst, dass er, falls er irgendwohin auswandern würde, sofort als erstes die dortige Sprache lernen würde. Das ist das A und O, denn ohne Sprachkenntnisse kommt man nirgends weiter. Deshalb legen wir bei To Spiti auch so viel Wert auf die Sprachkurse und auch die anderen Kurse, die wir über die Volkshochschule anbieten. Und die Kurse werden auch wahrgenommen von den Griechen, und davon besonders die Deutschkurse.
Pigi Mourmouri: Gerade die Hartz-IV-Empfänger, die haben die Möglichkeit, die Deutsch-Kurse kostengünstig oder sogar kostenlos zu besuchen. Wir empfehlen es ihnen immer wieder, beziehungsweise setzen wir sie auch ein bisschen unter Druck damit, dass sie ganz andere Chancen haben, wenn sie die deutsche Sprache erlernen. Man wird als Migrant auch erst ernst genommen, wenn man die deutsche Sprache spricht und es eröffnen sich ganz andere Perspektiven. Wer hier bleiben will, muss die deutsche Sprache lernen. Das ist notwendig.
Sie können natürlich nicht für alle Griechen sprechen, aber Sie persönlich können uns schildern, was Sie mit ihren griechischen Wurzeln verbindet und was Sie an Ihrer Kultur auf keinen Fall missen möchten? Sind das in erster Linie Dinge wie das Essen, die Musik, die Sprache oder gehören dazu auch andere Aspekte, wie etwa spezielle Auffassungen und Werte?
Niki Reister: Meine Herkunft ist mein selbstverständliches Dasein, das wünsche ich mir auch hier. Das heißt, wenn ich hier bin, möchte ich, dass ich so angenommen werde, wie ich bin, auch äußerlich, denn die Identität ist das A und O eines jeden Menschen. Ich trage meine Kultur mit mir, überall wo ich bin und ich nehme meine Wurzeln überall mit hin. Wenn man nicht die Sicherheit seiner eigenen Identität hat, dann kann man sich anderen gegenüber nicht öffnen. Das ist meine persönliche Erfahrung. Ich habe hier eine ganze Menge gelernt und das möchte ich niemals missen. Ich würde auch Berlin nicht verlassen wollen, denn ich lebe gerne in Berlin. Natürlich freue ich mich jedes Mal, wenn ich in meine Heimat nach Piräus und Umgebung komme, denn wir sind eine große Familie. Aber ich komme auch wieder sehr gerne nach Berlin zurück. Denn mittlerweile habe ich auch hier Wurzeln geschlagen, hier in diesem Garten, bei To Spiti mit den Leuten, die ich mag und sehr schätze. Das ist für mich auch ein Stück Familie oder auch Heimat.
Pigi Mourmouri: Dem kann ich nur hinzufügen, dass auch mich beide Kulturen, die griechische und die deutsche, geprägt haben. Ich bin jetzt seit über vierzig Jahren hier und die Freunde, die ich habe, haben ähnliche Erfahrungen in zwei Kulturen gemacht und es findet darüber ein reger Austausch statt. Wir wissen alle, was es heißt, Migrant zu sein und das verbindet in der neuen Heimat.
Das ist ein schönes Schlusswort und wir bedanken uns bei Ihnen beiden für das Gespräch.